Du chattest seit Monaten mit ChatGPT. Vielleicht seit über einem Jahr. Deine Vorlieben, dein Projektkontext, die Art, wie es gelernt hat, dass du Aufzählungen hasst aber trockenen Humor liebst — alles lebt in einer App. Digitale Möbel in einem Altbau mit Mietpreisbremse. Du weißt, die Wohnung ist nicht perfekt, aber Umziehen heißt alles verlieren.

Das ist das Wechselkosten-Problem. Bei KI ist dein Chatverlauf dein Kontext — das angesammelte Verständnis, das einen Chatbot erst wirklich nützlich für dich macht. Bei einem Konkurrenten von vorn anfangen bedeutet wochenlang neu antrainieren. Also bleibst du, auch wenn die andere Seite verlockender aussieht.

Am 26. März hat Google diese Tür eingetreten. Sie haben "Import Memory to Gemini" veröffentlicht — ein Migrations-Tool, mit dem du deine gesamte ChatGPT- oder Claude-History nach Gemini ziehen kannst. Das war kein stiller Rollout. Es war das Highlight von Googles Gemini Drop im März 2026, neben kostenlosem "Personal Intelligence"-Zugang und Lyria 3 Pro Musikgenerierung. Aber das Import-Tool ist das, was zählt.

Es funktioniert über zwei Wege. Weg eins: Exportiere deine ChatGPT- oder Claude-Daten als ZIP-Datei (bis zu 5 GB, maximal fünf Uploads pro Tag), lade sie auf gemini.google.com/import hoch, und deine Konversationen erscheinen in Geminis Seitenleiste — durchsuchbar, navigierbar, deins. Weg zwei: Für Präferenzen und Memory — Dinge, die sich die KI zwischen Sitzungen über dich "merkt" — gibt dir Gemini einen vorformulierten Prompt zum Einfügen in deinen alten Chatbot. Der Prompt bittet die KI, alles zusammenzufassen, was sie über dich weiß: Demografie, Interessen, Projekte, explizite Anweisungen. Du kopierst die Zusammenfassung zurück in Gemini. Stell dir vor, du bittest deinen alten Assistenten, ein Übergabeprotokoll für den neuen zu schreiben.

Jetzt wird es interessant. Wer alt genug ist, sich an die Zeiten zu erinnern, als ein Anbieterwechsel beim Handy den Verlust der Rufnummer bedeutete, kennt das Spielchen. Vor der Rufnummernmitnahme — einer Regulierung, die es erlaubt, die Nummer beim Wechsel zu behalten — gewann automatisch immer der größte Anbieter. Niemand wollte allen Kontakten eine neue Nummer schicken. Als die Portabilität Gesetz wurde, verloren die dominanten Anbieter reihenweise Kunden an hungrigere Konkurrenten.

Google fährt exakt die gleiche Strategie. Freiwillig. Denn im KI-Chatbot-Markt sind sie nicht der Platzhirsch. ChatGPT hält 45,3 % App-Marktanteil gegenüber Geminis 25,2 %. Sowohl Anthropic (die ihr eigenes Import-Tool am 2. März geliefert haben) als auch Google haben Migrations-Tools im selben Monat gebaut. OpenAI — der Platzhirsch — hat nichts gebaut. Underdogs lieben Portabilität. Platzhirsche nie.

Aber importierte Wörter sind kein importiertes Verständnis. Wenn du ein Jahr ChatGPT-Konversationen hochlädst, bekommt Gemini deinen Rohtext — Prompts und Antworten — aber nicht das kontextuelle Modell, das ChatGPT aus Mustern über alle Chats hinweg aufgebaut hat. Es ist wie das Tagebuch von jemandem zu fotokopieren und zu behaupten, man kennt die Person. Anhänge, Projektdateien und KI-generierte Bilder werden auch nicht übertragen. Und hier wird es für uns richtig bitter: Google hat den EWR, die Schweiz und Großbritannien komplett ausgeschlossen — Datenschutzvorschriften. Heißt: Deutschland, Österreich, die Schweiz — alles gesperrt. iOS-Nutzer warten ebenfalls noch. Und der Elefant, über den niemand spricht: Google hat jetzt eine Pipeline zum Einlesen von Millionen Konkurrenz-Konversationen. Ein "Migrations-Feature", das gleichzeitig als Trainingsdaten-Geschenk dient, ist... effizient.

Falls du also rein wegen des angesammelten Kontexts an ChatGPT klebst — diese Ausrede wird dünner. Du kannst Gemini jetzt mit deiner echten Nutzungshistorie testen statt eines Kaltstarts. Der Vergleich wird dann einer über Produktqualität, nicht über versunkene Kosten. Vorausgesetzt natürlich, Google schaltet das Feature irgendwann auch für Europa frei.

KI-Konversationen sind gerade zu portablen Daten geworden. Das Unternehmen mit dem besten Modell — nicht mit dem klebrigsten Lock-in — gewinnt die nächste Runde. Was, wenn man drüber nachdenkt, genau so hätte sein sollen von Anfang an.