Anthropic meldet 30 Milliarden Dollar ARR — Annual Recurring Revenue, also die jaehrlich wiederkehrenden Einnahmen aus Abonnements und Vertraegen. OpenAI soll bei 25 Milliarden liegen. Man liest diese Zahlen und denkt: Die KI-Branche hat ihre zahlenden Kunden gefunden.
Nicht so schnell. Am 10. April enthuellte Semafor, dass Anthropic und OpenAI ihre Umsaetze nach voellig unterschiedlichen Regeln zaehlen — und die Differenz zwischen den Methoden bis zu 8 Milliarden Dollar pro Jahr ausmacht.
Ein Dollar, zwei Buecher
Wenn ein Kunde KI-Tokens im Wert von einem Dollar ueber einen Cloud-Partner wie AWS oder Azure kauft — kleine Textbausteine, die das Modell verarbeitet — verbucht jedes Unternehmen eine andere Zahl.
Anthropic zaehlt den vollen Dollar. OpenAI zaehlt nur seinen Anteil — rund 20 Cent auf denselben Dollar. Beide Methoden folgen anerkannten Bilanzierungsstandards. Aber wenn Analysten "30 Mrd. vs. 25 Mrd." vergleichen, als beschrieben beide Zahlen dasselbe, vergleichen sie einen Bruttoumsatz mit einem Nettoerloes.
Bei Anthropics Groessenordnung blaeht diese Bilanzierungsentscheidung die Schlagzeilenzahl um bis zu 8 Milliarden Dollar an annualisiertem Umsatz auf. Das ist kein Rundungsfehler. Das ist der Unterschied zwischen "holt OpenAI ein" und "liegt immer noch weit zurueck."
Warum die Cloud-Schicht alles noch undurchsichtiger macht
Beide Unternehmen laufen primaer auf der Infrastruktur ihrer Investoren. Anthropic laeuft auf AWS und Google Cloud — im Besitz von Amazon und Google, zwei seiner groessten Geldgeber. OpenAI laeuft auf Azure, im Besitz seines groessten Geldgebers Microsoft. Die Investoren, die diese Unternehmen finanziert haben, stellen ihnen gleichzeitig Rechenleistung in Rechnung — und jeder Cloud-Riese verbucht diese Ausgaben als eigenen Umsatz.
Das wirft eine Frage auf, die niemand in der Branche oeffentlich beantwortet: Welcher Anteil des gemeldeten KI-Umsatzes stammt von Kunden, die sich bewusst zum Zahlen entschieden haben — und welcher von Kapital, das aus dem Investoren-Scheck zurueckgeflossen ist?
Echte externe Nachfrage gibt es. Der Semafor-Bericht vom 10. April bestaetigt: Anthropic bedient ueber 1.000 Unternehmen, die jeweils mehr als 1 Million Dollar pro Jahr zahlen. Allein Claude Code generiert eine Run Rate von ueber 2,5 Milliarden Dollar — von Entwicklern, die aus eigener Tasche zahlen. Das ist organisches Geld — niemand hat es durch eine Cloud-Rechnung geschleust.
Aber das Verhaeltnis von organischen zu recycelten Dollars? Kein Unternehmen veroeffentlicht es. Kein Analysten-Konsens existiert dafuer. Und solange niemand die Offenlegung erzwingt, traegt jede Umsatz-Schlagzeile ein unsichtbares Sternchen.
Die S-1-Stunde der Wahrheit
Sowohl Anthropic als auch OpenAI sollen 2026 Boersengaenge pruefen. Ein IPO erfordert ein S-1-Filing — das oeffentliche Offenlegungsdokument, das die SEC prueft, bevor ein Unternehmen an die Boerse darf.
Wie ein Analyst gegenueber Yahoo News erklaerte: "Wenn beide in den kommenden Quartalen an die Boerse gehen, bin ich mir nicht sicher, wie die SEC diesen beiden Unternehmen unterschiedliche Bilanzierungsregeln fuer im Grunde dieselbe Art von Umsatz durchgehen lassen will."
Zwei Unternehmen, die dasselbe Produkt verkaufen — API-Zugang zu Large Language Models — ueber denselben Kanal — Cloud-Marktplaetze — an dieselbe Art von Kaeufern. Und sie zaehlen das Geld nach verschiedenen Regeln. Die erste S-1-Einreichung, die eine Nettoumsatz-Fussnote erzwingt, wird den gesamten Sektor zum Nachrechnen zwingen.
Was das fuer deine Vendor-Wahl bedeutet
Die Wachstumsfrage verschiebt sich. Frag nicht mehr "Wie schnell wachsen die?" — frag lieber "Welcher Anteil ihres Wachstums kommt von Kunden, die sich zum Zahlen entschieden haben, und nicht von Investoren, die mussten?" Pruefe, ob der Umsatz deines Anbieters echte Nachfrage widerspiegelt oder subventionierte Rechenleistung, die sich in Luft aufloesen kann, sobald die Bilanzierungsstandards verschaerft werden.
Maerkte bewerten diese Unternehmen auf Basis von Schlagzeilen-ARR, der organischen Umsatz mit zirkulaerem Kapital vermengt. Die Zahlen werden auch nach dem Wegfall der Sternchen gross sein. Nur eben nicht diese Zahlen.



